Awareness

Awareness-Leitfaden der Fanszene 1907
(November 2021)

Hintergrund dieses Leitfadens

Im September 2021 wurden wir als Fanszene 1907, durch eine Veröffentlichung des Vorfalls bei Twitter, damit konfrontiert, dass sich in der Vergangenheit bei einem Spiel von SV Linden 07 ein sexualisierter Übergriff durch Mitglieder der Fanszene ereignete. Dies wurde, neben der Auseinandersetzung mit dem konkreten Fall, zum Anlass genommen, gesellschaftliche Machtstrukturen und diskriminierende Verhaltensmuster zu analysieren und
daraus Handlungsweisen zu erarbeiten, die im Kontext des (Amateur-)Fußballs diesen Mechanismen vorbeugen können. Ebenso war das Ziel, mehr Verantwortung für all‘ das zu übernehmen, was an Spieltagen, bei Veranstaltungen und bei Partys passiert.

Fußball(fankultur) als Brennglas hegemonial männlicher Strukturen

Fußball und alles, was damit zu verbinden ist, findet nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern ist Teil einer durch hegemoniale Männlichkeit1 geprägten Gesellschaft. Dennoch kann nicht die Rede davon sein, dass im Stadion oder beim Fußball lediglich diese Mechanismen reproduziert werden und man somit Konzepte, die außerhalb des Kosmos Fußball funktionieren, auf diesen übertragen kann. Eher spitzen sich diskriminierende Dynamiken und Abwertungsmuster beim Fußballspiel und Fan-Dasein häufig zu, weshalb Fußball(fankultur) vielmehr als Brennglas und nicht nur als Spiegel hegemonial männlicher Strukturen zu verstehen ist. Dabei ist (Amateur-)Fußball und insbesondere das Stadion(erlebnis) ein Ort mit seinen eigenen Regeln.2

Awareness und Verantwortungsübernahme

Die Fanszene 1907 hat seit ihrem Bestehen den Anspruch, mit dieser Realität zu brechen. So soll ein sicheres Stadionerlebnis für alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, Religion, Identität, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts, möglich gemacht werden. Um dies im größten Maße zu ermöglichen, bedarf es zum einen einer Awareness(struktur). Diese soll die Bedürfnisse der anwesenden Personen sowohl bei Spielen des SV Linden 07 als auch bei Veranstaltungen der Fanszene 1907 im Blick haben. Zum anderen soll auch eine sichtbare Verantwortungsübernahme bei Problemen erfolgen. Dieses Engagement ist dabei auf diejenigen ausgerichtet, „die von den Machtverhältnissen systematisch unterdrückt werden.“3

1 Nach Raewyn Connell verkörpert hegemoniale Männlichkeit die Idee des Patriarchats und die Dominanz der Männer, sowie die Unterordnung der Frauen. Dabei stehen Autorität, Gewalt und Macht im Mittelpunkt, um die hegemoniale Männlichkeit durchzusetzen. (Weiter hierzu: Raewyn Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Springer 2014).
2 Weiter hierzu: Almut Sülze: Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnographische Studie im Fanblock. Frankfurt a.M.: Campus Verlag 2011.
3 RESPONS: Was tun bei sexualisierter Gewalt? Handbuch für die Transformative Arbeit mit gewaltausübenden Personen. Münster: Unrast 2018, S. 59.

Triggerwarnung:
Im nachfolgenden Teil werden explizite Formen sexualisierter Ge-
walt thematisiert

Definition des Begriffs der „sexualisierten Gewalt“

„Um über sexualisierte Gewalt zu sprechen, diese erkennen zu können und angemessene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, bedarf es zunächst einer begrifflichen Differenzierung. Gemäß einschlägiger Fachliteratur umfasst der Begriff „sexualisierte Gewalt“ Handlungen sowohl mit als auch ohne Körperkontakt und grenzverletzendes Verhalten in Bezug auf Sexualität. Zu sexualisierter Gewalt zählen etwa verbale Übergriffe oder Gesten, zum Beispielunerwünschte Berührungen oder körperliche Annäherungen, anzügliche Äußerungen über das Aussehen, Reduzieren auf Geschlecht und sexuelle Attraktivität, anhaltendes Anstarren oder Hinterherpfeifen, das Zeigen pornografischer Inhalte, aber auch Entblößen, versuchte oder erfolgte Penetration, bis hin zu Vergewaltigung, d.h. das Erzwingen bestimmter sexueller Praktiken. Sexualisierte Gewalthandlungen passieren nicht zufällig und absichtslos. Sie haben sexistische Geschlechterverhältnisse zur Grundlage – dies meint eine Festlegung auf vermeintlich natürliche Geschlechterrollen, Eigenschaften und Verhaltensweisen aufgrund des Geschlechts. Sexismus im Fußball zeigt sich z. B. anhand von Gesängen im Stadion, über sexistischer Werbung, stereotyper Erwartungshaltungen, Absprechen von Kompetenzen oder dem Ausschluss aufgrund des Geschlechts. Diese auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und alltäglich. Sexistische Diskriminierung oder Sexismus meint alle Handlungen, die diese Geschlechterverhältnisse immer wieder aufs Neue herstellen und
stabilisieren.“4

4 Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt: Handlungskonzept gegen sexualisierte Gewalt im Zuschauer*innensport Fußball.
PDF >>Hier<< Abrufbar
(Zuletzt: 07.11.2021), S. 6f..

Awareness-Team

Das Awareness-Team besteht grundsätzlich aus zwei Personen. Es kann vorkommen, dass das Team nicht geschlechtsparitätisch besetzt ist. Der Grund hierfür ist die derzeitige strukturelle Zusammensetzung der Fanszene und der damit verbundene Wunsch, die Care-Arbeit bei der Schaffung eines im größten Maße sicheren (Fußball-)Erlebnisses nicht auf den Schultern der Frauen der Fanszene auszutragen. Nichtsdestoweniger gibt es eine Möglichkeit, mit Frauen der Fanszene in Kontakt zu treten und aufgetretene Probleme zu thematisieren.


Das Awareness-Team arbeitet nüchtern, kennt sowohl diesen Leitfaden als auch andere Handlungsempfehlungen. Das Team ist stets eine Stunde vor Anpfiff bis eine Stunde nach Abpfiff ansprechbar. Dies ist ebenso vor, während und nach einer Veranstaltung der Fall. Es ist erkennbar und hält sich vor und nach dem Spiel sowie in der Halbzeitpause am Merchstand und während des Spiels auf der Tribüne auf. Dabei gilt zu jedem Zeitpunkt der Grundsatz:
Verantwortung endet nicht beim Awareness-Team, sondern wird von der gesamten Fanszene getragen!

Situationen

Das Awareness-Team entscheidet im Sinne dieses Leitfadens und des Selbstverständnisses eigenständig, aber immer in Rücksprache mit (potenziell) betroffenen Personen, ob ein Einschreiten bei übergriffigem Verhalten notwendig ist. Jegliche Maßnahmen werden hierbei konsequent im Sinne der Betroffen ergriffen. Zu den Aufgaben des Awareness-Teams gehört es explizit nicht, körperliche Auseinandersetzung alleine zu lösen. Im Fall physischer Gewalt, dies meint (drohende) Schlägereien etc., erfolgt die Verantwortungsübernahme durch alle Mitglieder der Fanszene. Im Fokus steht dabei, deeskalierend auf die Situationen einzuwirken.

Sanktionen

Sollte die Notwendigkeit bestehen, ist das Awareness-Team als Vertretung der Fanszene berechtigt, eigenständig Maßnahmen zu ergreifen, um die gewünschte sichere Atmosphäre wiederherzustellen. Dies kann im äußersten Fall auch der einmalige Ausschluss der übergriffigen Person von der Veranstaltung sein. Jegliche spontanen Maßnahmen, aber auch nachgelagerten Sanktionen und einer geplanten Auseinandersetzung mit Tätern, werden mit (potenziell) Betroffenen rückgesprochen. Auch hier erfolgt die Auseinandersetzung durch die gesamte Fanszene im Sinne einer „machtsensiblen Solidarität“5.

5 RESPONS: Was tun bei sexualisierter Gewalt?, S. 59.

Kontaktmöglichkeiten zum Awareness-Team

Das Awareness-Team in eine Stunde vor Anpfiff bis eine Stunde nach Abpfiff anwesend und erkennbar. Es hält sich vor und nach dem Spiel sowie in der Halbzeitpause am Merchstand und während des Spiels auf der Tribüne auf. Bei Auswärtsspielen und anderweitigen Veranstaltungen ist das AwarenessTeam ebenso erkennbar.

Nur durch Frauen in der Fanszene verwaltet, als erste Anlaufstelle für akute Vorfälle:
frauen-fanszene1907@riseup.net
Für allgemeine Anfragen rund um das Thema Awareness:
awareness@fanszene1907.net

Alle Veranstaltungen der Fanszene 1907, egal ob Party oder Spieltag, ob Vortrag oder Workshop, finden unter Einhaltung unseres Selbstverständnisses und dieses Leitfadens statt.6


Dieser Awareness-Leidfaden ist nach Stand November 2021 noch nicht abgeschlossen, aber ein Ergebnis mit dem die Fanszene 1907 zukünftig ihre (Fan-)Aktivitäten begleiten möchte. Der Anspruch ist zudem, das eigene Handeln und die gemachten Erfahrungen (in der Fußballfankultur) zu reflektieren und den Leitfaden entsprechend anzupassen und weiterzuentwickeln.
Für Rückfragen oder Anmerkungen wendet euch gerne an die oben genannte E-Mail-Adresse.

6Das Selbstverständnis befindet sich >>HIER<<.